Im schönsten Wiesengrunde ist meiner Heimat Haus;
da zog ich manche Stunde ins Tal hinaus.
Dich, mein stilles Tal, grüß ich tausendmal!
Da zog ich manche Stunde ins Tal hinaus.
Wer von
der Höhe des stillen Bergwaldes am Fuße des Leidenhofer Kopfes hinab auf den
fruchtbaren Ebsdorfer Grund blickt, der sieht zu beiden Seiten der Zwester-Ohm
stattliche Dörfer. In weite Obstgärten sind sie eingebettet, und von
fruchtbaren Feldern und saftigen Wiesen sind sie umgeben. Weit in die
Vergangenheit reicht die Geschichte jeder dieser Siedlungen. Auch das Dorf Hachborn,
inmitten des anmutigen Wiesengrundes hat
seine Geschichte und zwar eine sehr alte.
Weit
zurück reicht die Besiedlung unseres stillen Tales und der umliegenden bewaldeten Höhen.
Die
ältesten Reste menschlicher Siedlungen finden sich in den etwa 4,5 km entfernten Steinzeithöhlen am Totenberg.
Professor Richter, Gießen, schätzte, daß die Bewohner dieser Höhlen vor
etwa 100 000 Jahren gelebt haben mögen. Die Urmenschen jener grauen Vorzeit
waren mutige Jäger, die ein hartes und unruhiges Leben führen mußten, Der roh bearbeitete Stein war ihr
Werkzeug und ihre Waffe. Große Jagdtiere der damaligen Zeit wie
Riesenhirsch, Renntier, Wildpferd und Mammut fing man in Fallgruben, oder man
trieb sie über steile Abhänge, daß sie abstürzten.
Tausende
von Jahren vergingen. Aus umherziehenden Jägern wurden seßhafte Ackerbauern,
die allmählich wilde Tiere zähmten, den Boden mit dem Hakenpflug bestellten und
Hütten aus Holz und Lehm bauten. Bei ihrer
Arbeit benutzten die Menschen jener Vorzeit Steinmesser, Kratzer und
Schaber und die einseitig geschliffenen Steinhacken, wegen ihrer Form
Schuhleistenkeile genannt. Die in unserer Gemarkung gefundenen Schaber und
Beilchen dienten zur Bearbeitung von Holz und Leder und sind teils aus
Feuerstein, meist aber aus Quarzit und Basalt hergestellt.
Auf vorgeschichtliche Siedlungen weisen auch die
zahlreichen Hügelgräber, „Hünengräber", hin, die sich rings um Hachborn in den
Wäldern finden. An dem vorgeschichtlichen Höhenwege, der durch den Heljewald
zieht, liegen beiderseits sehr alte Grabstätten. Die Menschen jener
Hügelgräberzeit haben um 1500 v. Christi Geburt gelebt. Sie verbrannten ihre
Toten, und die Asche wurde in Urnen beigesetzt. Wir wissen nicht, welches Volk
diese Hügelgräber angelegt hat, und wir kennen seinen Namen nicht. Wir wissen
aber, daß später Kelten in unserer Gegend gewohnt haben, die von Süden her
durch die Wetterau bis in die Gegend von Marburg vorgedrungen waren.
Im 5.
Jahrhundert v, Chr. Geb. kamen schließlich die Chatten (Hessen) in unser
Gebiet. Seit dieser Zeit wird unsere Gegend nur noch von Hessen bewohnt. Die
Hessen sind ein deutscher Volksstamm, der nun schon mehr als 2000 Jahre sein
Wohngebiet ununterbrochen behauptet hat.
Die Römer
machten unseren Vorfahren oft viel zu schaffen. Als 15 nach Christi Geburt
Germanikus mit seinen Legionen nach Niederhessen zog, ist er vermutlich den
Balderscheider Weg oder östlich von unserem Grunde die Römerstraße durch den
Oberwald gezogen. Aus jener Zeit der Fremdherrschaft könnten vielleicht die
kleinen Hufeisen stammen, die zuweilen beim Wegebau an der „Alten Straße"
gefunden worden sind und von dem Lasttier der Römer, dem Maulesel, herrühren.
Eine stärkere Besiedlung des Ebsdorfer Grundes begann um das Jahr 800 in der
fränkischen Zeit. Schon vor 800 sind die Orte Ebsdorf und Heskem bezeugt, und
auch unser Ort Hachborn wird in jener Zeit gegründet worden sein. Der Sage nach
ist Hachborn auf folgende Weise entstanden: In grauer Frühzeit, als unsere
Heimat noch mit undurchdringlichen Wäldern bedeckt war, mußte ein Edler, eines
Vergehens wegen, aus seiner Heimat fliehen. Matt und halb verschmachtet kam er
endlich bei einer klaren Quelle an, die unter mächtigen Bäumen zwischen
moosbedeckten Steinen aus der Erde hervorsprudelte. Hocherfreut bückte er sich
nieder, löschte seinen Durst mit dem köstlichen Wasser und rief aus:
(H)-„Ach-Born!" Da er keine Heimat mehr sein eigen nannte, Grund und Boden
zum Anroden aber für gut befand, beschloß er, sich hier niederzulassen. Spätere
Zuwanderungen haben das Dorf Hachborn entstehen lassen. Es ist anzunehmen, daß
das Christentum frühzeitig Eingang im Zwester-Ohm-Tale gefunden hat. Durch die
Berührung der Chatten mit den Römern war eine Beeinflussung in religiösem
Sinne sehr gut möglich. Später kamen Glaubensboten von der „grünen Insel"
Irland bis in unser Gebiet und entfalteten hier ihr Bekehrungswerk. Dauernden
Erfolg hatte erst die Arbeit des Angelsachsen Bonifatius, der 719 und 721 bei
seinen Besuchen auf der Amöneburg wahrscheinlich durch unseren Grund und über
das „Steinerne Haus" in Ebsdorf gezogen sein mag.
Der
älteste Siedlungsbeleg für unser Dorf Hachborn stammt aus dem Jahre 1151.
Damals hieß unser Ort Habekebrunnin. Der Dorfname hat sich im Laufe der
Jahrhunderte oft gewandelt. 1189 schrieb man unseren Dorfnamen Havecheburen,
1255 Hachenburen, 1348 Hachenborn.
Die
spätere Geschichte des Dorfes Hachborn ist bis ins 16. Jahrhundert aufs engste
mit der Geschichte des früheren Klosters Hachborn verknüpft.
Um 1180
waren die Grafen Giso und Hartrad von Merenberg (einer Burg am rechten Lahnufer bei Weilburg) die Grundherren des Dorfes Hachborn. 1186 übergaben sie ihre Güter in
Hachborn dem Kloster Arnstein an der Lahn. Dieses ließ in unserem Orte
ein Prä-monstratenserkloster erbauen. Beide
Stifter traten später als Mönche in das Kloster ein. 1252 brannte das
Kloster ab. Da die Insassen nicht imstande waren, die Gebäude aus eigenen
Mittel wieder aufzubauen, wurde allen
wahrhaft Bußfertigen und Gläubigen, die hierzu Hilfe leisten wollten,
ein Sündenablaß von l Jahr und 40 Tagen zugesagt. 1370 stiftete Adolf Ruwe
(Rau), Burgmann zu Nordeck, eine „ewige Ampel", die Tag und Nacht in der
Klosterkirche brannte. Einer großen Wertschätzung erfreute sich in ganz Hessen
das im Kloster Hachborn übliche sogenannte „ewige Gebet". Viele kauften
sich in dieses Gebet ein und ihrer wurde am Sterbetage im Gebet durch die
Klosterleute gedacht. Noch im Jahre 1515 stiftete Anna von Mecklenburg, die
Mutter des Landgrafen Philipp des Großmütigen, für sich ein „Seelgerede"
bei den Nonnen in Hachborn. Zu keiner Zeit ist das Kloster Hachborn zur
Bedeutung gekommen. Oft hatte es um seine wirtschaftliche Existenz zu ringen,
und mühsam erhielt es sich gegenüber den Ansprüchen von Mainz, der Deutschen
Ordensniederlassung in Marburg und des Landgrafen. Als die Reformation in
Hessen Eingang fand, wurde das Kloster 1527 aufgehoben und seine letzten Nonnen
abgefunden. Sämtlicher Klosterbesitz verfiel dem Landgrafen. Im Jahre 1563 war
Landgraf Philipp der Großmütige von Hessen selbst einmal in Hachborn anwesend.
Er übergab 1531 das Klostergut dem Herrn Daniel von Scheuernschloß und nachher
dessen Sohne Johann von Scheuernschloß zu erblichen Lehen. Der Sage nach soll
die Familie von Scheuernschloß auf folgende Weise in den Besitz des
Klostergutes gekommen sein. Landgraf Philipp hatte sich einstmals verkleidet in
eine feindliche Festung geschlichen, um ihr Inneres zu erkunden. Von einem
Hessen, der zur Wache gehörte, wurde er jedoch erkannt. „Um Gottes
Willen", sprach dieser leise zu ihm, „was wagt Ihr, mein Fürst?" Der
Hesse verriet seinen angestammten Landesherrn nicht, war ihm vielmehr bei der
Flucht behilflich. Aus Dankbarkeit übergab ihm der Landgraf einen kostbaren
Ring und sprach zu ihm: „Wenn du je in Not geraten solltest, so komme zu
mir." Viele Jahre waren vergangen. Eines Tages erschien in Kassel ein
dürftig gekleideter Mann und forderte, vor den Landgrafen gelassen zu werden.
Da man in dem Fremdling einen Landstreicher vermutete, wies die Wache ihn ab.
Er bat jedoch weiter und fügte hinzu, daß er dem Landgrafen etwas Wichtiges zu
berichten habe. Endlich ließ man ihn eintreten. Anfänglich erkannte der
Landgraf den Fremdling nicht. Als ihm dieser aber den kostbaren Ring zeigte,
reichte er ihm gerührt die Hand und gab ihm zum Lohne das Klostergut Hachborn.
Der Fremdling war kein anderer als Daniel von Scheuernschloß, der aus Armut in
fremde Kriegsdienste hatte treten müssen. Der letzte Scheuernschloß in Hachborn
war Johann von Scheuernschloß. Er starb 1593 und liegt in unserer Kirche
begraben. Hier stehen auch die beiden Grabsteine von Johann von Scheuernschloß
und seiner Schwester Anna, die schon 1569 gestorben war. Auf dem Grabsteine des
Johann von Scheuernschloß steht die Überschrift:
ist dies gewest der letzte Mann.
In unserer
Kirche ist auch ein Stifterbild dieses Johann von Scheuernschloß. Das Holzbild
stammt aus dem Jahre 1569. Es hat eine Höhe von 1,50m und eine Breite von 2,15
m. Das Gemälde zeigt den auferstandenen Heiland, der von jubilierenden
Engelgesichtern umgeben ist. Zu Füßen des Auferstandenen knien links Johann
von Scheuernschloß und seine beiden Söhne; rechts stehen seine Gemahlin
Elisabeth Rau von Holzhausen und zwei Töchter. Zur Seite des Grabes sieht man
die erschreckten Hüter desselben in der damaligen Ritterrüstung dargestellt.
Weiterhin sieht man auf dem Bilde Auferstehungssprüche.
An Johann
von Scheuernschloß, den letzten aus seinem Geschlechte, erinnert auch das folgende
Gedicht:
Den Hügel
zu Hachborn
umwogt ein
Meer von Korn.
Da zeigt
noch eine Mauerwand
die
Stelle, wo das Kloster stand,
das
Kloster zu Hachborn. —
Doch nicht
die Wand allein
soll hier
der Zeuge sein.
Ein
Kellerbogen ruft noch laut:
Hier,
Wanderer, hereingeschaut,
hier war
viel Raum für Wein. —
Schon
lange bin ich leer,
kein
Fäßchen siehst du mehr.
Der letzte
Vogt war Scheuernschloß,
eh der
sein müdes Auge schloß,
da
dürstets ihn noch sehr. —
Nun ruhet
sein Gebein
dort in
dem Dorfkirchlein.
und wenn
er dann um Mitternacht
aus tiefem
Todesschlaf erwacht,
möcht er
sich hier erfreu'n. —
Am
Kirchlein zu Hachborn,
bewacht
von scharfem Dorn,
da schläft
der Herr von Scheuernschloß,
da welkt
vom Stamm der letzte Sproß,
am
Kirchlein zu Hachborn. —
Vom 7.
Januar 1778 wird aus dem Totenbuch von Hachborn berichtet: „Abends um 6 Uhr
wurde bey Wachslichtern in der Kirche zu Hachborn gerade für den Altar vorn in
den Gang zwischen die Weibsleuth auf erhaltene Concession vom Fürstlichen
Consistorium zu Marburg, gegen Erlegung von 8 Gold-Gulden in den Gotteskasten
zu Hachborn, die Hochwohlgeborene Frau Sophie Wilhelmine, verwittwete von
Hesberg, geborene von Baumbach auß dem Hauß Naßen Erfurt begraben . . . Ich
(Johann Georg Jakob Schmidt, Pfarrer zu Ebsdorf) hielt bey ihrer Beysetzung
eine Standt-Rede." Nach dem Tode des letzten Herrn von Scheuernschloß
wurde das Klostergut, das geschlossen beisammen blieb, nicht mehr als Lehen
ausgegeben. Die Landgrafen verpachteten es jeweils auf 8 Jahre an einen Pächter
oder Conduktor. Bei jeder Neuverpachtung wurde ein genaues Inventar über den
Zustand der Gebäude und über die zugehörigen Ländereien aufgenommen.
Verschiedene Inventare, die sich erhalten haben, bieten interessante
Nachrichten über die alten Klostergebäude, ihre Einrichtung und Verwendung.
Einige der Conduktoren seien hier kurz erwähnt.
Simon Rudolph, † 1662
Johann Hermann Arnd (Arend), † 1697
Konrad Hausmann, † 1727
Johann Andreas Bender, † 1761
Johann Daniel Bender, Sohn des vorigen.
Von ihm
stammen die Bender in Ebsdorf („Klostermanns") ab.
Philipp Gerlach,
Karl Engl, v. Vulté.

Als im
Jahre 1788 wieder einmal die Pachtzeit eines Pächters abgelaufen war, gab die
Marburger Domänenkammer bekannt, daß das Klostergut aufgeteilt und in einzelnen
Stücken auf Erbleihe gegeben werden solle. 34 Hachborner bewarben sich um das
Klostergut. Die Verhandlungen darüber fanden ihren Abschluß mit dem
Erbleihebrief, den Landgraf Wilhelm am 10. Oktober 1789 für 34 Hachborner
ausstellte. Die Nachbenannten waren die damaligen Erbleihebeständer:
Johannes
Kahl
Philipp
Funk
Frau
Caroline v. Milchling, geb. v. Vulté
Konrad
Weidemüller
Balthasar
Seip
Johannes Lauer
Johann Adam Wallon
Johannes
Hermann
Johann
Henrich Müller
Bast
Lämmer
Philipp
Peil
Peter
Bender
Christian
Müller
Johannes
Heußer, sen.
Johannes
Rauch
Johannes
Heußer, jun.
George
Merckel
Conrad
Wespe
Johannes
Lemmer
Bernhard
Bier
Martinus
Krehling
Johannes
Schnabel
Martinus
Neeb
Johann
Henrich Capeller
Gerlach
Wagner
Johann
Daniel Bienhaus
Johann Adam Altheim
Andreas
Schneider
Michael
Sohl
Konrad
Krecker
Johann
Adam Bartel
Johannes
Müller
Tielemann
Abel
Peter
Braun
Unter sie
wurden die Gebäude und Ländereien des ehemaligen Klostergutes aufgeteilt. Die
neuen Besitzer rissen die baufälligen Gebäude ab. Heute geben nur noch wenige
Reste von Umfassungsmauern und ein Klosterkeller Zeugnis vom einstigen Kloster
Hachborn.
Karl
Preser singt auf den Ruinen des Klosters Hachborn:
Trümmer,
auf denen mein Fuß hier ruht,
Einst —
Stätte werktätiger Liebe.
Zeiten
verschlangen des Klosters Gut,
Gestiftet,
daß ewig es bliebe. —
Ew'ge
Gebete sollten dafür
Gedenken
geschiedener Seelen
Und an des
Jenseits umschleierter Tür
Sie Gottes
Gnade befehlen. —
Doch — was
ist ewig im irdischen Sein?
Jahrhunderte
sind schon vergessen
Alle, die
einst hier aus Seelenpein
Sich
stifteten heilige Messen. —
Eines, nur
eines ist ewig im Raum:
Der ewige
Weltenmeister!
Flüchte
dich, Mensch, aus dem irdischen Traum
Zu ihm
nur, dem Geiste der Geister. —
Die
Besiedlung des Ebsdorfer Grundes war im Mittelalter dichter als heute. Mancher
Wohnplatz ist im Spätmittelalter zur Wüstung geworden. Von den eingegangenen
Orten Ibinrade, Rodebach, Michelbach und Ullrichshausen, die in der Gemarkung
Hachborn lagen, erzählen heute nur noch die Urkunden. Die dauernde Unsicherheit
durch ständige Fehden, Seuchen aller Art und der steigende Steuerdruck durch
die Grundherren waren die Ursachen, daß diese Dörfchen nicht lebensfähig
blieben.
Unser Dorf
Hachborn hatte 1467 32 Haushaltungen und zählte nur 12 Bauern. 1592 umfaßte die
Gemeinde Hachborn 47 Häuser.
Am 18.
Januar 1597 war ein großer Brand, dem 25 Häuser zum Opfer fielen.
Heute —
1954 — ist Hachborn mit 231 Haushaltungen und 1004 Einwohnern das zweitgrößte
Dorf im Ebsdorfer Grunde. Steuern und Abgaben sind derzeit nicht gering, auch
die Hachborner früherer Zeiten haben es nicht leicht gehabt.
Über die
Abgaben eines Hachborner Bauern aus dem Jahre 1592 wird uns wörtlich berichtet:
„Er gibbit jerlich stendis pachtis 2 maldir habirn und 2 mestin oleys, 3 gense,
3 hanen und l wesin vor den Ebistorffer erlen gibit l fuder hauwis", das
heißt: Dieser Bauer gibt jährlich an ständiger Pacht: 2 Malter Hafer und 2
Mesten Samen, 3 Gänse, 3 Hähne und von einer Wiese vor den Ebsdorfer Erlen gibt
er ein Fuder Heu.
Der
30jährige Krieg brachte Unglück und Leid auch über unseren Grund und über
unseren Ort. 1621—1633 durchzogen Kaiserliche unter Tilly und Schweden
abwechselnd unser Tal. Oft flüchteten die Hachborner ins Waldversteck. Aus dem
Jahre 1633 stammt der „Schwedenstein" im Heljewald. Unser Dörfchen war
klein geworden nach all den schweren Kriegsjahren. Auf den Trümmerhaufen
wucherten Unkraut und Strauchwerk. Die wenigen Ställe und die zugigen Hausböden
waren leer von Vieh und Korn. Durch die schadhaften Strohdächer goß der Regen,
und durch die zerfallenen Hausgefächer pfiff der Wind. Viele Feldstücke waren
seit Jahren unbestellt geblieben, und gar mancher von den geängsteten
Dorfbewohnern war nicht mehr am Leben. Auch die unheimliche Seuche hatte
manchen dahingerafft.
Der
Schaden, den die kaiserlichen Truppen noch 1647/48 beim Durchzuge in Hagbornn
anrichteten betrug laut überlieferter Aufstellung 314 Rthlr. (Reichstaler).
Nachstehende Hachborner sind nach gleicher Überlieferung damals „mit Weib undt
Kint darvongegangen undt haben das Ihrige mit dem Rücken ansehen müssen."
Peter Schmidt, Merten Wagner, Hanse Conrats Lemmers Witb. (Witwe), Henrich
Sohl, Johannes Schnabbel, Hanse Schreiner, Balthasr Clos, Chri-stophel Closen
Witb., Andreas Wagner und Conrat Hekker.
Kastenmeister
Johannes Lemmer meldete folgenden Verlust durch die Soldaten an:

Es war
nach 1648 ein bitter schwerer Anfang für die Hachborner, die der schreckliche
Krieg am Leben gelassen hatte. Und wo war die alte Zucht und Ordnung geblieben?
Aberglaube, Zuchtlosigkeit und Verwilderung hatten Überhand genommen. Viele
glaubten an Hexen und böse Geister. Die Jugend war ohne Schulbildung aufgewachsen.
Das Lesen und Schreiben war selbst für manchen Erwachsenen eine gar schwere
Kunst. Durch die Nöte des 30jährigen Krieges war die Hälfte aller Höfe wüst
geworden. 1650 zählte unser Dorf nur noch 25 Haushaltungen. Es hat lange
gedauert, bis die Bewohner durch Fleiß, Einfachheit, Sparsamkeit und durch die
Liebe zur Scholle diesen Rückgang wieder aufgeholt hatten. —
Neue
Unruhe und Not überkam die Hachborner, als 1674 brandenburgische Fähnlein
(Regimenter) auf der „Alten Straße" zum Rheine hin gegen Ludwig XIV. von
Frankreich zogen und vorübergehend auch in Hachborn Quartier nahmen. In dem
Nachfolgenden sei die Klage der Hachborner bei der fürstlichen Domänenkammer in
Marburg wörtlich wiedergegeben: „Euer hochgeboren wird sonder Zweifel sein,
annoch bekannt und bewußt sein, weß maßen der gantze Brandenburgische Marsch
durch und an unserem Dorfe hergegangen, auch einige Nacht das Hauptquartier bey
unß geweßen, wodurch dann nicht allein unser ganzes Winterfeld dermahls in den
grund verderbet, sondern wir auch unter anderm dermaßen mitgenommen und
ruiniert worden seyn, daß aniro kein einziger man von uns kein Brodt von dem
seinigen haben kan, sondern wir müssen solches alles von den Beambten und
anderweitig entlehnen und erborgen, wie dieß die hiesigen Beambten uns Zeugniß
geben können . . ."
In
demselben Jahre als die Brandenburger durch Hachborn zogen wurde Hachborn
wieder von einer Feuersbrunst heimgesucht. Diesmal waren die Geschädigten:
Wilhelm Bodenbender, Kasper Bender, Jost Löwenstein, Fritz Döringer, Otto
Möller und Johannes Schnabel. Der Letztere muß am meisten geschädigt worden
sein. Ein Bericht besagt: „Scheuer und Ställe sind mit aller Frucht und Gefuder
bis auf den Grondt verbrandt, daneben das Haus, davon das onterste Stockwerk
nur noch stehet. Dieser hat sieben unerzogene Kinder und den größten Schaden
erlitten."
Auch im
Siebenjährigen Kriege zogen wieder Deutsche und Franzosen abwechselnd durch
unseren Grund. Aus dem Jahre 1758 stammen die beiden Schanzen im Hachborner
Wald. Als 1762 bei Hachborn ein französischer Marketenderwagen geplündert
wurde, wanderten die Einwohner Fischer, Pfeil, Schnabel, Weydemüller und Sohn
als Geiseln vorübergehend nach Gießen ins Stockhaus, bis Hachborn 1500 rthlr.
Entschädigung zahlte. 1768 betrug die durch Kriegskosten entstandene Belastung
der Gemeinde 3092 Thaler.
Wertvollen
Aufschluß und ausführlichen Bericht über die Hachborner Verhältnisse vor 200
Jahren gibt das Lager- und Steuerbuch unserer Gemeinde aus dem Jahre 1768.
Hachborn hatte damals 356 Einwohner. In herrschaftlichen Diensten standen: ein
Zöllner und ein Forstläufer. In Gemeindediensten befanden sich: ein
Bauernmeister (Bürgermeister), ein Schulmeister, drei Schäfer, ein Feldschütz,
ein Kuhhirte, ein Schweinehirte. (Die beiden letzteren waren zugleich
Nachtwächter).
Jagd und
Zehnte standen damals der „Gnädigsten Herrschaft" zu. Auch war die
Gemeinde mit der Leibeigenschaft der Gn. Herrschaft unterworfen, und es mußten
jährlich für eine Mannsperson 2 alb. hlr, für eine Weibsperson 2 alb. 3 hlr. (l
Albus = 10 Pf) in die Renterei Marburg gezahlt werden. Als Untertanen waren die
Hachborner der Gn. Herrschaft zu mancherlei Diensten verpflichtet.
1.
Handdienst auf dem Marburger Schloß (2 Tage im Jahr)
2. Jagd-
und Forstdienst bei dem Förster und Wildhetzer zu Ebsdorf und bei großen Jagden
der Gn. Herrschaft.
3.
Fischereidienst bei dem Heskemer Teich und sonstigen Herrschaftlichen
Gewässern.
4.
Wasserbaudienste bei den Herrschaftl. Mühlen zu Marburg, Kappel und der
Nehmühle.
5.
Baufuhrdienste (Holz aus dem Brachter Forst und Schiefersteine von Gladenbach).
6.
Vorwerksdienste beim hiesigen Klostergut.
7.
Wiesendienste auf dem Würfel bei Kirchhain
8.
Bestallungs-Holzfuhren für die Beamten in Marburg
9.
Vorspanndienste
10.
Landstraßen- und Brückenbaudienste
Sodann
hatten die Hachborner gleich anderen Gemeinden das Briefetragen und die
Botengänge zu verrichten.

Das Jahr
1852 brachte die Aufhebung der Leibeigenschaft; die Abgaben und Dienste wurden
in Rentenzahlungen umgewandelt. Ein bemerkenswertes Wahrzeichen unseres Dorfes
ist der sehr alte Brunnen mit seinen starken Lindenbäumen auf dem
Brunnengewölbe. 1709 ließ der damalige Bürgermeister Philipp Einscher den
Brunnen von zwei „mäuer Meistern von grondt auß" erneuern. Die Kosten
betrugen 11 Rthlr.
1702
erbauten die Hachborner und Ilschhäuser gemeinsam ihr erstes Schulhaus (heute
Wohnung des Kaufmanns Magnus Braun, Haus Nr. 15.) Bis dahin hatten die beiden
Gemeinden wie die übrigen Dörfer des damaligen Kirchspiels Ebsdorf
(Leidenhofen, Heskem, Dreihausen, Roßberg) ihre Kinder nach Ebsdorf zur Schule
geschickt. 1850 war in Hachborn die Schülerzahl auf 150 gestiegen. Das alte
Schulhaus bot keinen Raum mehr für diese Kinderzahl. Nach langen und
schwierigen Verhandlungen wurde 1879 die jetzige Schule mit zwei Lehrsälen und
zwei Lehrerwohnungen errichtet. — Hervorzuheben sind aus der Zeit der hiesigen
Schulgründung vor 250 Jahren die hochherzigen Stiftungen einiger Hachborner und
Ilschhäuser. Zusammen stifteten diese schulfreundlichen Spender etwa 250 fl
(500 Mark). Die Zinsen dieses Kapitals sollten zum Anschaffen von Heften für
minderbemittelte Schüler und zur Verbesserung des Schuldienstes für „ewige
Zeiten" dienen. Leider hat die Geldentwertung den frommen Wünschen der
lieben Spender für „ewige Zeiten" ein Ende gemacht. 1804 betrug das
competenzmäßige Einkommen des damaligenLehrers Johann Konrad Wesp (gest. 1823
in Hachborn) aus Schullohn und Naturalbezügen im Jahre insgesamt 78 Rthlr. (234
Mark).
Als dessen
Sohn Johann Daniel Wesp (geb. 1778, gest. 1844 zu H.) Lehrer in Hachborn war,
lag auch auf unserem Hessenlande lange Jahre der Druck der französischen
Fremdherrschaft. Das Land wurde nach französischem Vorbilde in Departements,
Distrikte und Kantone eingeteilt und von Präfekten, Souspräfekten und Maires
verwaltet. In der Franzosenzeit wurde Ebsdorf Sitz eines Kantons. (1807—1813).
Beträchtlich waren auch damals die Hachborner Steuersummen und oft fanden
Rekrutenaushebungen statt. Mancher entzog sich der Flucht der Aushebung und
hielt sich in den Wäldern verborgen. 1812 zogen 11 Hachborner mit der Großen
Armee nach Rußland, keiner kehrte in sein Dorf zurück. In den nachfolgenden
Freiheitskriegen haben auch Hachborner und Ilschhäuser mitgekämpft. Die
Gedenktafel in unserer Kirche nennt die Namen von 27 Kriegsteilnehmern.
Einer der
Soldaten, der 1815 nach Beendigung des Krieges in sein Heimatdorf Hachborn
zurückkehrte, war Konrad Michel. Er versah das Ortsdieneramt und muß in älteren
Jahren starrköpfig und leicht erregbar gewesen sein. Der damalige junge
Bürgermeister Konrad Preiß hatte mit dem alten Freiheitskämpfer oft seine liebe
Not. Da es Michel einstmals auch wieder zu arg trieb, schickte der Bürgermeister
Preiß den Querkopf mit einem versiegelten Brief zum Amtsvorsteher nach Treis
a. d. L., welchem Orte Hachborn seiner Zeit in Gerichtssachen zugeteilt war. In
diesem Briefe wurde der Herr Amtsvorsteher gebeten, den Überbringer wegen
wiederholten unbotmäßigen Benehmens zu 3 Tagen Arrest zu verurteilen, welches
auch pünktlich geschah. Wutschnaubend kehrte Konrad Michel nach dreitägigem
Freiquartier nach Hachborn zurück. Als ihm Bürgermeister Preiß besänftigend
zusprach: „Aber, Vetter Konrad, ihr hattet ja auch gar keinen Respekt vor
mir!" gab der Zurückgekehrte die prompte Gegenantwort: „Die Mordschwernut,
du host jo aach gar kenn fer mir!"
Die Zeit
nach den Freiheitskriegen war wechselvoll. Das Hungerjahr 1816 und die
Mißernte von 1846/47 brachten den Hachbornern Sorgen anderer Art. Viele
wanderten aus und fanden in Amerika eine neue Heimat.
Eine neue
Zeit brach an, als die Dampfmaschine erfunden worden war. Seit 1850 baute man
an der Main-Weser-Bahn. Beinahe wäre die Strecke Treysa-Gießen durch den
Ebsdorfer Grund gelegt worden, um die Kosten der Ohm- und Lahnregulierung zu
sparen; aber viele Zeitgenossen haben damals die künftige Bedeutung der Eisenbahn
nicht erkannt. Die alte Fernstraße, die durch Hachborn ging, verödete immer
mehr. Der aufkommende Verkehr benutzte mehr und mehr die Frankfurter
Landstraße, die über Marburg führte. Die Hachborner wurden von der neuen Zeit
wenig berührt. Ihre Lebensart hatte auch in den weiteren Jahrzehnten feste
Formen von guter Sitte und altem Brauch. Man lebte im allgemeinen einfach, man konnte
sparen und einrichten.
Der Krieg
von 1866 brachte auch in unser Dorf kurze Unruhe. Als eines Tages preußische
Husaren von Wetzlar kommend durch Hachborn ritten und der Ruf: „die Preußen
kommen!" ertönte, flohen einige Männer in großer Angst ins „Darmstädtische."
In demselben Jahre wurde Hessen noch preußisch, und die Hachborner fanden sich
schnell damit ab. 1870/71 waren es 21 Männer aus Hachborn und Ilschhausen,
welche an den Kämpfen teilnahmen, die ein neues Deutsches Reich gründeten.
An dem
wirtschaftlichen Aufschwung Deutschlands von 1871—1900 hatten auch der
Ebsdorfer Grund und Hachborn Anteil. Die Landwirtschaft blühte auf. Künstliche
Düngemittel wurden angewandt, Wechsel im Saatgut und Zuchtwahl in der Viehzucht
fanden Beachtung. Die ersten landwirtschaftlichen Maschinen kamen zur Anwendung.
1885 stellten die Gebrüder Kapeller unseren Landwirten die erste Dreschmaschine
zur Verfügung. 1890 brachte Jörg Schneider das erste Fahrrad ins Dorf.
Zahlreiche Hachborner fanden in der Industrie in Lollar und in
Rheinland-Westfalen lohnende Arbeit.
Bei der
Volkszählung am 1. Dezember 1900 hatte Hachborn 705 Einwohner.
Mehr als
40 Jahre hatte unser Ort nach 1871 an der friedlichen Aufwärtsentwicklung
teilgenommen. Als im Sommer 1914 auf unseren Feldern die Sensen wieder
erklangen und die Mähmaschinen ihr Erntelied sangen, mußten viele fleißige
Hände die segenbringende Arbeit plötzlich aufgeben.
Am 1.
August 1914 brach der Weltkrieg aus. Es war ein Sonnabend, als der Ortsdiener
Sebastian Rabenau durch die Ortsschelle die Mobilmachung bekanntgab. Früher als
gewöhnlich wurde allenthalben die Erntearbeit eingestellt. Auf den Dorfstraßen
und vor den Hofeingängen standen die Menschen zusammen und sprachen vom
kommenden Krieg. Junge Heißsporne waren begeistert, ältere Reservisten
bestellten schweigsam ihr Haus, viele Frauen und Mütter weinten, alte Leute
ahnten eine schwere Zeit. Wilde Gerüchte beunruhigten unsere Menschen. Am
Wegweiser vor dem Dorfe und beim Backhause wurden Wagensperren errichtet, um
fremden Autos die Weiterfahrt zu erschweren. Der Dorfbrunnen und die
Ilschhäuser Trinkwasserquellen wurden von bewaffneten Männern bewacht. Der
lange Krieg brachte unserem Dorfe viel Sorge und Trauer. 117 Männer und
Jünglinge zogen in den Krieg, von ihnen kamen 28 nicht wieder in die Heimat
zurück. Im Jahre 1921 errichtete unsere Gemeinde den Gefallenen aus Hachborn
und Ilschhausen ein Denkmal zum bleibenden Gedenken.
In den
wechselvollen Nachkriegsjahren brachte die Zeit der Geldentwertung die
Vernichtung aller ersparten Vermögen. Und dennoch brachte die Gemeinde es
fertig, das Dorf 1919 mit elektrischem Licht zu versehen. 1924/25 wurde die
langersehnte Wasserleitung gebaut. 1924 bildete sich unter der rührigen Leitung
des damaligen Bürgermeisters Heinrich Damm der Hachborner Spar- und
Darlehnskassenverein mit 31 Mitgliedern, der heute 165 Mitglieder zählt.
Kurz war
die Friedens- und Aufbauarbeit gewesen, als ein neuer und viel furchtbarer
zweiter Weltkrieg schwere Sorgen und tiefstes Herzeleid auch unserem Dorfe
brachte. Wohl blieb Hachborn vor Zerstörung bewahrt, doch all die schmerzlichen
Opfer, die unsere Gemeinde in den 5,5 Kriegsjahren brachte, werden uns Lebenden
in steter Erinnerung bleiben. 162 Hachborner und Ilschhäuser zogen in die
furchtbaren Materialschlachten. Wir betrauern 36 Krieger, die den Heldentod
fanden und 22 Vermißte, deren Schicksal uns bis heute unbekannt ist.
„Vergiß, mein Volk, die treuen Toten nicht!"
Schwer
waren die ersten Jahre eines neuen Anfangs nach dem verlorenen Kriege. Neue
Männer faßten in der Gemeinde die Arbeit tapfer und unerschrocken an. Unter der
zielbewußten und verantwortungsreichen Leitung des derzeitigen Bürgermeisters
Johannes Wallon fanden viele vertriebenen Familien aus Ostpreußen, Schlesien,
Sudetenland und Ungarn in Hachborn eine neue Heimat. 1949 erhielt unsere Kirche
4 neue Glocken, und eine würdige Totenkapelle wurde auf dem Friedhof erbaut.
1951 bekam die freiwillige Dorffeuerwehr eine Motorspritze. 1948 begann unser
Dorf mit der Zusammenlegung oder Verkoppelung der Grundstücke. Damit setzte
eine umfangreiche Verbesserungsarbeit an den Ländereien ein, so daß die
Hachborner Feldflur einen bedeutend höheren Wert bekam. 1954 hat jeder die
neuen Pläne erhalten.
Nach der
Volkszählung von 1950 hatte unser Dorf Hachborn 1004 Einwohner. Die Gesamtgröße
der Gemarkung beträgt 980 ha. Davon sind 777,21 ha Ackerland und Wiese,
190,73ha Wald und 12,06ha Gebäude und Hofflächen.
Der
Viehbestand betrug 1953: 70 Pferde, 598 Stück Rindvieh, 766 Schweine, 87
Schafe, 76 Ziegen, 46 Bienenvölker, 2266 Stck. Federvieh. Die letzten Angaben
regen uns zu einem Vergleich an mit den Verhältnissen vergangener
Jahrhunderte. Der Werdegang unseres Dorfes war ein steter Wechsel von auf und
nieder. Das zähe Geschlecht, das auf der Heimatscholle lebt, hat sich nicht
niederdrücken lassen.
Möge die
Gemeinde Hachborn immer Männer und Frauen haben, die sich ihrer Pflichten gegenüber der Gemeinschaft bewußt sind, denen die Betrachtung der Vergangenheit ihres Dorfes
Kraft und Freudigkeit gibt zur Mitarbeit an seiner besseren Zukunft.
Hachborn 1954
V a l e n t i n
S u ß m a n n
Zu keiner
Zeit hat sich unser Dorf so rasch vergrößert wie in drei Jahrzehnten nach dem
2, Weltkrieg. Zwei Gründe waren dafür entscheidend: Durch die Aufnahme der
Ostflüchtlinge und Evakuierten herrschte eine große Wohnraumnot. In eine
Wohnungseinheit mußten mitunter zwei Familien aufgenommen werden. Die
Einwohnerzahl stieg von 76o auf über 1ooo. Zum anderen belebte die im Juni 1948
eingeführte Währungsreform die gesamte Wirtschaft, ganz besonders aber die
Bauwirtschaft.
Um das
Jahr 1965 war in unserem Dorf ein gewisser Höhepunkt auf dem Bausektor erreicht
worden. Insgesamt wurden bis 1976 gebaut: 75 Wohnhäuser, 1 Bürgerhaus mit
Feuerwehrgerätehaus, 1 ev. Gemeindehaus, 1 Friedhofskapelle, 2 Gefrieranlagen,
1 Schulsaal, 1 Raiffeisenlagerhaus, 1 Sportplatz mit Sportheim, mehrere
Bauernhöfe, darunter 1 Aussiedlerhof.
Insbesondere
nach der Flurbereinigung 1954 erweiterte sich unser Ort ganz erheblich über
den alten Dorfkern hinaus. Auf der Heide entstand ein völlig neues Wohngebiet,
das durch die in 1975 fertig gestellte Umgehungsstraße vom "alten
Dorf" getrennt wird. Leider wurde durch diese erforderliche
verkehrstechnische Baumaßnahme ein Wohngebiet auseinander gewiesen, ein Naturgebiet
zerstückelt und ein Lebensraum mit biologischem Gleichgewicht für alle Zeiten
zerstört. Bereits zwei Jahrzehnte früher leitete die Flurbereinigung diese
Entwicklung ein als der Flußlauf begradigt, der Mühlgraben beseitigt, Hecken,
lebende Zäune und markante Einzelbäume gerodet sowie wildwachsende Pflanzen
vernichtet wurden. Die Nistgelegenheiten für unsere gefiederten Sänger
verschwanden.
1824 hatte
Hachborn 77 Wohnhäuser und 1963 waren es 175. Beim Anschluß an die Großgemeinde
Ebsdorfergrund - 1.7.1974 - zählte unser Ort 241 Wohnhäuser mit 1o41
Einwohnern.
Flurbereinigung
1947/48
begann unser Dorf unter Bürgermeister Wallon mit der Flurbereinigung. Sein
Vorgänger Heinrich Damm war verantwortlicher Vorsitzender der
Umlegungsgemeinde, G. Oppermann Rechnungsführer der Umlegungskasse. Mit der
Verkoppelung einher lief ein intensiver und kostenaufwendiger Feldwegebau sowie
eine Verlegung von Wasserläufen. 1953/54 erhielten die Grundeigentümer ihre
neuen Pläne. Nun konnte mit dem starken Aufkommen von Ackerschleppern,
neuzeitlichen Ackergeräten aller Art und vermehrter Anwendung von
Handelsdüngern und Pflanzenschutzmitteln arbeitstechnischer und intensiver
gewirtschaftet werden. Personal wurde eingespart. Ertragsreichere Ernten sollten
der Lohn werden. 1976 haben wir in Hachborn 9 Vollerwerbsbetriebe, daneben
eine größere Anzahl von Zuerwerbs- und Nebenerwerbsbetrieben. Mehrere neue
Bauernhöfe, darunter 1 Aussiedlungshof, wurden gebaut. Bis auf zwei sind alle
Vollerwerbsbetriebe reine Familienbetriebe. Allgemein kann gesagt werden, daß
auf ihnen und den Zuerwerbsbetrieben eine überdurchschnittliche Belastung
liegt.
Reformen
Seit
Jahren wird eingehend und leidenschaftlich, besonders über Reformen auf
kommunal- und schulpolitischem Sektor diskutiert. Dieses hat seine Ursache
darin, daß die Leistungen unserer Bevölkerung in den 5oer und 6oer Jahren ein
noch nie dagewesenes Wirtschaftswachstum bewirkten. Eine solche Entwicklung
mußte notgedrungen die kleinen auf andere Aufgaben zugeschnittenen
Verwaltungseinheiten aufsprengen. Die Ansiedlung von Industrieanlagen, die
damit verbundene Erschließung des Nah- und Fernverkehrsbereiches sowie die
geänderte Bevölkerungsstruktur erforderten eine Planung, die die herkömmlichen
Gebietskörperschaften nicht mehr erfüllen konnten. Alte Schulformen mit ihren
Arbeitsweisen und Leistungen waren nicht mehr zeitgerecht. Ab 1.4.1963 wurden
die Hachborner Schüler der 5. - 9. Schuljahre zum Zwecke der
Leistungssteigerung und Hebung der Bildungschancen in die Mittelpunktschule
Heskem eingeschult. Die Grundschule (1. - 4. Schuljahr) verblieb im Ort. Der
Gesamt-Schulverband Hachborn-Ilschhausen trat nach seiner Auflösung im Jahre
1968 dem Schulverband Mittelpunktschule Heskem bei.
Die
hessische Gebiets- und Gemeindereform befindet sich z.Z. in der Endphase. Auf
Kreis- und Gemeindeebene haben sich einschneidende Gebietsänderungen
vollzogen. Zunächst auf freiwilliger Grundlage, später durch
Zwangseingliederung. Die Hachborner Gemeindevertretung gab bis auf eine
Gegenstimme keine Zusage zur Auflösung ihrer Verwaltungseinheit und
Eingliederung in die Großgemeinde Ebsdorfergrund. Doch sie kam einige Jahre
später. Am 15.6.1974 tagte das "Gemeindeparlament" zum letzten Male
im kleinen Saale des Bürgerhauses. Bürgermeister Oppermann dankte seinen
Mitarbeitern, die in partnerschaftlicher Weise und mit Erfolg die angestandenen
Aufgaben lösten. Jedem Gemeindevertreter überreichte Oppermann einen
Wandteller aus Holz mit einer Widmung. Harry Rommel dankte dem Bürgermeister
und Gemeindevorstand für ihre Dienste. Auch Michael Kranixfeld war von Dank
erfüllt und überreichte dem letzten Bürgermeister der selbständigen Gemeinde
einen Präsentkorb mit vierzehn roten Nelken.
In der
letzten Sitzung waren 14 stimmberechtigte Vertreter, drei Beigeordnete und der
Schriftführer anwesend.
Vertreter:
Kranixfeld,
Michael
Rommel,
Harry
Rache,
Rudolf
Merkel,
Gotthard
Schäfer,
Fritz
Becker,
Heinrich
Weinbach,
Karl-Heinz
Rabenau,
Heinrich
Wallon,
Konrad
Combé,
Alexander
Breitstadt,
Heinrich
Mann,
Heinrich
Junker,
Erwin
Kaden,
Werner
Beigeordnete:
Arnold,
Heinz
Schneider,
Walter
Rabenau,
Wilhelm
Schriftführer:
Rotter,
Hans
Im
Schlußwort des Gemeindeprotokolls heißt es:
"Die
Selbständigkeit wurde uns auf gesetzlichem Wege entzogen, ab 1.7.1974 gehören
wir als Ortsteil Hachborn zur Gemeinde Ebsdorfergrund. Die Selbständigkeit
haben wir nicht freiwillig aufgegeben."
Anschließend
fand in einem Lokal auf dem Frauenberg die Abschiedsfeier statt.
Ausblick
In der
Geschichte unseres Dorfes bedeutet die Auflösung der sich in Jahrhunderten
bewährten Verwaltungseinheit und die Eingliederung in die Großgemeinde
Ebsdorfergrund ein tiefer Einschnitt. Leidenschaftlich wurde die durchgeführte
kommunale Reform diskutiert. Eine bürgernahe Verwaltung brachte sie uns bisher
noch nicht. Und trotzdem wollen wir nicht in der Konfrontation stehen bleiben,
sondern die Fronten auflockern, und als Mitglieder eines demokratischen
Staatswesens die von zuständiger Stelle getroffenen Entscheidungen
respektieren. Wir erwarten von unserem Gemeindeparlament Ebsdorfergrund
vernünftige und bürgerfreundliche Sachentscheidungen und optimale Leistungen
für alle Bürger bei aller Unterschiedlichkeit in der Auffassung und Handhabung
der anfallenden Probleme.
Jedoch
wollen wir Hachborner unseren uralten Ortsnamen niemals aufgeben und erwarten,
daß er nicht gelöscht wird. Es wäre Kulturlosigkeit! Was schließt er nicht
alles ein an Entwicklungsstufen, an Geschichte und Kultur!
Hachborn,
im Juni 1976 Peter Lemmer